Es war einer dieser Tage, an denen nichts so lief wie es geplant war. Viele Jahre nach meiner Diplomarbeit hatte ich nebenberuflich noch in Hagen einen Master mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsethik absolviert und nur die Abschlussarbeit stand noch an. Kein Problem, ich bin ja Profi! Also Plan gemacht und als Belohnung sollte es mit dem Hund und dem Bulli durch Europa gehen. Szenenwechsel – Vor mir liegt der Laptop auf dem Falttisch, Blick durch die Frontscheibe auf das regennasse Duisburg, auf dem Bildschirm blinkten 17 geöffnete Tabs, und in meinem Kopf herrschte ein ähnliches Durcheinander. Was war passiert?
Ganz einfach: der Plan war schlecht. Und anstatt ihn einmal neu und gut zu machen, habe ich immer wieder alles so verschoben und verbogen und nachgebessert (dann mach ich eben das Pensum von 2, 3, 5, … Tagen an einem). Dann dachte ich, ich kann ja unterwegs noch arbeiten, dann war noch dies und das und am Ende habe ich am Tag der Abgabe noch das Fazit fertig geschrieben, einen Copyshop in der nächsten Stadt (eben Duisburg) gesucht, einen hysterischen Anfall bekommen, weil alle Bilder in 72 dpi und somit nicht druckfähig waren usw. Um 18 Uhr schloss die Post (damals mussten wir noch Print-Versionen einschicken), um 17:56 stand ich mit meinen gedruckten und gebundenen Exemplaren am Schalter. Puh!
Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment und an die folgenden Tage an scheußlichen belgischen und malerischen französischen Stränden. Immer begleitet von der Frage: Was kann ich hieraus lernen, was meinen Studierenden auch hilft. Denn offenbar reicht es ja nicht, Profi im wissenschaftlichen Arbeiten zu sein und Zeitmanagement zu unterrichten, um gelassen und entspannt ans Ziel zu kommen Es war der Moment, in dem ich erkannte, dass es nicht nur darum ging, was ich tat, sondern vor allem wie ich es tat. Diese Erkenntnis veränderte nicht nur meine Arbeitsweise, sondern auch meine Beziehung zum wissenschaftlichen Arbeiten grundlegend.
Wenn wir an Arbeitsorganisation denken, stellen wir uns oft Menschen vor, die mit militärischer Präzision ihren Tag planen, deren Schreibtische makellos aufgeräumt sind und die scheinbar mühelos eine Aufgabe nach der anderen abhaken. Und – geben wir es zu – viele von uns sind neidisch auf diese Veranlagung. Dabei ist das zwar ein schönes Bild – aber es ist ein Mythos.
Die Wahrheit ist: Arbeitsorganisation ist kein fester Zustand, den wir erreichen können, sondern ein ständiger, lebendiger Prozess. Niemand ist jeden Tag gleich gut sortiert und da sich auch die Aufgabenseite immer mal wieder ändert, muss die Erfüllungsseite auch ein bisschen flexibel sein. Es geht im Grunde nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, bewusst und achtsam mit unserer Arbeit und unseren Ressourcen umzugehen.
Was ich an anderen in den ganzen Coachingjahren immer wieder beobachtet habe: Die erfolgreichsten Schreibenden sind nicht unbedingt die mit dem striktesten Plan oder der neuesten Produktivitäts-App. Es sind diejenigen, die eine ehrliche Verbindung zu ihrer Arbeit aufbauen und einen achtsamen Umgang mit ihren eigenen Stärken und Schwächen entwickeln.
Wenn wir über Arbeitsorganisation sprechen, denken wir, wie in meiner Geschichte, oft zuerst an Zeitmanagement. Doch das ist nur ein Aspekt eines viel umfassenderen Bildes. Für einen wirklich nachhaltigen und achtsamen Arbeitsansatz brauchen wir fünf wesentliche Säulen:
Alles beginnt mit dem Verständnis deines eigenen Arbeitsstils. Als ich in meinen frühen Coaching-Jahren versuchte, allen Studierenden dasselbe System aufzudrücken, scheiterte ich mitunter, denn wir sind alle verschieden: Manche blühten morgens auf, andere nachts. Einige brauchten absolute Stille, andere arbeiteten am besten im Cafégeplauder. Schon deswegen halte ich nichts von Versprechen wie „Halte dich an unser System, dann bekommst du eine Eins“ – das kann für viele gehen, aber ist sicher nicht für alle das beste Vorgehen.
Die Erkenntnis ist einfach, aber tiefgreifend: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Es gibt nur deinen Weg.
Nimm dir Zeit, deinen natürlichen Rhythmus zu beobachten. Wann bist du am kreativsten? Wann am analytischsten? Wann brauchst du Pausen? Diese Selbstbeobachtung ist nicht etwa Zeitverschwendung – sie ist die Grundlage für eine Arbeitsorganisation, die dich unterstützt, statt dich zu behindern.
Eine einfache, aber wirkungsvolle Übung: Führe eine Woche lang ein ehrliches Arbeitsprotokoll. Notiere nicht nur, was du tust, sondern auch wie du dich dabei fühlst. Die Muster, die sich zeigen, werden dir mehr über deine ideale Arbeitsweise verraten als jedes Produktivitätsbuch.
Der Philosoph Arthur Schopenhauer sagte einmal: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Diese Worte erinnern mich immer wieder daran, dass ich die Macht habe, meine Zeit selbst zu bestimmen. Ich setze meine Prioritäten, ich weiß inzwischen, was für mich wichtig ist, ih lasse mir dieses Privileg nicht mehr aus der Hand nehmen.
Bewusste Planung bedeutet nicht, jeden Moment durchzutakten. Es bedeutet, Räume zu schaffen – Räume für tiefes Denken, für kreatives Schweifen, für notwendige Pausen und für konzentrierte Arbeit.
Dabei hilft uns die Unterscheidung zwischen dem Wunsch-Zustand (wie wir arbeiten möchten), dem Ist-Zustand (wie wir tatsächlich arbeiten) und dem Soll-Zustand (ein realistischer Kompromiss zwischen beiden).
Eine meiner Student:innen hatte sich vorgenommen, täglich acht Stunden an ihrer Dissertation zu arbeiten. Nach einer Woche der Selbstbeobachtung stellte sie fest, dass sie selten mehr als vier konzentrierte Stunden schaffte, bevor ihre Produktivität drastisch sank. Statt sich für dieses „Versagen“ zu verurteilen, passte sie ihren Plan an: vier intensive Stunden am Vormittag, gefolgt von leichteren Aufgaben am Nachmittag. Ihr Fortschritt beschleunigte sich dramatisch – nicht weil sie härter arbeitete, sondern weil sie achtsamer plante.
Ah, der berühmte innere Schweinehund – dieses wunderbare Wesen, das immer eine Sekunde schneller ist als unser bewusstes Selbst. Er findet reflexartig einen Grund, warum wir jetzt unbedingt die Wohnung putzen sollten, statt an unserer Methodenbeschreibung zu arbeiten.
Anstatt diesen Teil von uns zu bekämpfen oder zu unterdrücken, lade ich dich zu einem anderen Ansatz ein: Führe einen Dialog. Frage deinen Widerstand: „Was versuchst du mir zu sagen? Wovor schützt du mich?“
Oft versteckt sich hinter Prokrastination eine tiefere Botschaft – vielleicht Unsicherheit über die nächsten Schritte, ein ungelöstes Problem im Forschungsdesign oder einfach die Notwendigkeit einer Pause. Je mehr Druck durch Unzufriedenheit entsteht, desto mehr Energie geht in Selbstrechtfertigungen und Verteidigung in inneren Monologen drauf. Wer sich achtsam erkennt, kann gegensteuern – wenn es dann ein Toolset dazu gibt.
Zum Beispiel können die SMART-Methode für Ziele und die WOOP-Methode für die Überwindung von Hindernissen hier wertvolle Werkzeuge sein. Sie helfen dabei, klare Strukturen zu schaffen und gleichzeitig achtsam mit den eigenen und äußeren Widerständen umzugehen.
Ein:e Student:in erzählte mir einmal, wie er:sie wochenlang seine:ihre Literaturrecherche aufschob. Als er:sie sich endlich fragte, warum, erkannte er:sie: Er:Sie war überfordert von der Menge an potenziell relevanten Quellen. Die Lösung war nicht „sich zusammenzureißen“, sondern sein:ihr Vorgehen anzupassen – mit einem strukturierten Ansatz, die Literatur zu filtern und zu organisieren.
Wissenschaftliches Arbeiten ist im Kern ein Prozess der Gedankenordnung. Vom ersten vagen (aber ehrlichen!) Interesse an einem Thema bis zur präzisen Forschungsfrage, vom Literaturdschungel zur klaren Synthese – wir navigieren ständig durch komplexe Informationslandschaften.
Hier kommen visuelle Hilfsmittel wie MindMaps ins Spiel. Sie sind nicht nur praktische Organisationstools, sondern auch Brücken zwischen unserem intuitiven und unserem analytischen Denken. Sie erlauben uns, gleichzeitig das große Ganze zu sehen und ins Detail zu gehen.
Ob du analog oder digital arbeitest, ist dabei weniger wichtig als die Tatsache, dass du deine Gedanken aus deinem Kopf herausholst und sie in einer Form organisierst, die dir erlaubt, sie zu überblicken, zu bewegen und neu zu verbinden.
Zeit ist nicht einfach eine lineare Ressource, die wir verwalten. Sie hat Qualitäten, Rhythmen und Texturen. Manche Stunden fliegen vorbei, andere dehnen sich endlos. Manche Tage sind von kreativer Energie erfüllt, andere scheinen nur für mechanische Aufgaben geeignet.
Achtsames Zeitmanagement bedeutet, diese Rhythmen zu erkennen und mit ihnen zu arbeiten, statt gegen sie anzukämpfen. Es bedeutet auch, Zeit nicht nur als Mittel zum Zweck zu sehen, sondern als Teil unserer Lebenserfahrung.
Die Eisenhower-Matrix, die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Dringendem, kann hier ein wertvolles Instrument sein. Ebenso die bewusste Arbeit mit Zeitblöcken, in denen wir uns vollständig einer Aufgabe widmen können.
Besonders schätze ich die Erfahrung des „Flow“ – jener magische Zustand, in dem die Zeit verschwindet, Gedanken mühelos fließen und die Arbeit fast von selbst entsteht. Dieser Zustand tiefster Konzentration und kreativer Produktivität kann nicht erzwungen werden, aber wir können die Bedingungen dafür schaffen: klare Ziele, unmittelbares Feedback, Balance zwischen Herausforderung und Können. In diesen Flow-Momenten entstehen oft meine besten Arbeiten – sie sind wertvoller als Tage geschäftigen Herumwuselns ohne wirklichen Fortschritt.
Warum spreche ich von Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Arbeitsorganisation? Weil die Art, wie wir arbeiten, nicht nur unsere unmittelbare Produktivität beeinflusst, sondern auch unsere langfristige Beziehung zum Lernen, zum wissenschaftlichen Denken und letztlich zu uns selbst.
Zu viele Studierende verbrennen während ihrer Abschlussarbeiten aus. Sie entwickeln eine Aversion gegen akademisches Schreiben, gegen Forschung, manchmal sogar gegen ihr Fachgebiet. Das ist eine Tragödie – und es ist vermeidbar.
Nachhaltige Arbeitsorganisation bedeutet, einen Weg zu finden, der nicht nur zu einem erfolgreichen Abschluss führt, sondern auch die Freude am Entdecken und Erforschen nährt. Es bedeutet, Methoden zu entwickeln, die du nicht nur für deine aktuelle Arbeit, sondern für dein gesamtes Berufsleben nutzen kannst.
Ein:e ehemalige:r Student:in schrieb mir kürzlich: „Die Techniken, die ich während meiner Lehrveranstaltung bei Innen gelernt habe, nutze ich jetzt fast täglich in meinem Job. Sie haben mal gesagt, dass wir noch an Sie denken werden, und ich wollte Sie wissen lassen: erst jetzt ist mir aufgefallen wie nützlich ein System ist, mit dem man an Probleme herangehen kann. Ich bin richtig stolz drauf, dass ich nun erkennen kann, wenn ich auf Zeitverschwendung zusteuere.“
Das ist der Kern nachhaltiger Arbeitsorganisation: nicht nur effizient zu sein, sondern auch respektvoll gegenüber unseren begrenzten Ressourcen.
In unserer digitalen Welt können technische Tools unsere Arbeitsorganisation enorm unterstützen – oder sie vollständig untergraben. Der Unterschied liegt in der Art, wie wir sie einsetzen.
Apps wie Chaos Control, Todoist oder Forest können wunderbare Helfer sein, wenn wir sie bewusst und gezielt nutzen. Gleichzeitig können dieselben Geräte, auf denen diese Apps laufen, uns mit endlosen Benachrichtigungen und Ablenkungen bombardieren.
Ein reflektierter Umgang mit Technologie ist daher ein wesentlicher Aspekt achtsamer Arbeitsorganisation. Stelle dir regelmäßig die Frage: „Dient dieses Tool mir, oder diene ich dem Tool?“ Wähle bewusst, welche Aspekte deiner Arbeit du digitalisieren möchtest und wo analoge Methoden vielleicht besser zu dir passen.
Ich selbst nutze eine Kombination: digitale Tools für die Verwaltung von Literaturdatenbanken und Terminplanung, aber handgeschriebene Notizen für erste Ideenskizzen und Reflexionen. Diese Mischung entspricht meinem persönlichen Arbeitsstil – deine ideale Kombination mag anders aussehen.
Die größte Hürde beim wissenschaftlichen Arbeiten ist oft nicht intellektueller, sondern emotionaler Natur. Die Angst vor dem weißen Blatt, die Furcht vor Kritik, der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten – diese Gefühle können lähmender sein als jedes inhaltliche Problem.
Eine achtsame Herangehensweise an die Arbeitsorganisation berücksichtigt diese emotionale Dimension. Sie erkennt an, dass Schreibblockaden und Prokrastination nicht einfach Zeichen von Faulheit sind, sondern oft Ausdruck tieferer Unsicherheiten.
Mein Ansatz in der Academy ist ganz bewusst nicht ein starrer X-Schritte-Plan, denn jede Persönlichkeit ist einzigartig und braucht individuelle Wege. Was ich jedoch allen ans Herz lege, ist das „Ruhe bewahren“ – diesen wertvollen Moment des bewussten Durchatmens und der Selbstberuhigung. Am Anfang einer Co-Working-Sessions schaffen wir gemeinsam diesen Raum, in dem du zu dir kommen und in eine achtsame Haltung finden kannst. Von dieser Basis aus entwickelt jede:r den eigenen Weg, der authentisch und nachhaltig funktioniert.
Diese Art des Vorgehens hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit einem tiefen Verständnis der menschlichen Psychologie. Wenn wir in Panik oder Angst gefangen sind, ist unser präfrontaler Kortex – der Teil unseres Gehirns, der für Planung und rationales Denken zuständig ist – weniger aktiv. Ein bewusster Moment der Ruhe kann Wunder wirken, um diese höheren Denkfunktionen wieder zu aktivieren. Und Raum für Freude zu schaffen.
Wie könnte ein erster Schritt auf deinem Weg zu einer achtsameren Arbeitsorganisation aussehen? Hier sind einige Möglichkeiten:
Der wichtigste Schritt ist jedoch, mit Selbstmitgefühl zu beginnen. Arbeitsorganisation ist keine moralische Tugend, sondern ein Werkzeug, das dir dienen soll. Es geht nicht darum, ein „besserer Mensch“ zu werden, sondern ein zufriedenerer Forscher:in, ein entspannterer Student:in, ein glücklicherer Mensch.
In diesem Sinne lade ich dich ein, deinen eigenen Weg zu finden – einen Weg, der nicht nur zu erfolgreichen Abschlussarbeiten führt, sondern zu einer nachhaltigen, bereichernden Beziehung zum wissenschaftlichen Arbeiten und Lernen.
In den kommenden Wochen werde ich auf jeden dieser fünf Bereiche näher eingehen und dir konkrete Methoden, Tipps und Werkzeuge vorstellen. Bis dahin freue ich mich auf deine Gedanken und Erfahrungen: Welcher Aspekt der Arbeitsorganisation bereitet dir die größten Schwierigkeiten? Wo würdest du dir mehr Unterstützung wünschen?
Bis bald auf deiner ganz persönlichen Mindful Writing Journey!
Herzlich,
Daniela