Tools sind nicht das Ziel

Warum ich mit KI arbeite – und warum mir das manchmal Sorgen macht

Es war Mitte 2024, der WeKnow-Relaunch stand an, als ich anfing, mit Notion zu arbeiten. Evernote hatte ein neues Preismodell – und was ich mir an Funktionen erhoffte, ließ sich nicht darstellen. Mit Notion fand ich ein Tool, das alles konnte: Timeline, Notizen, Kanban-Boards – ich war begeistert. DSGVO – ein Problem, dennoch begann ich damit, mich einzuarbeiten. Ich richtete ein System ein. Dann verfeinerte ich es. Mehr Unterseiten, mehr Aufgaben, mehr Listen, noch mehr Ansichten. Dann baute ich ein Template. Dann noch eins. Ich verschachtelte Datenbanken, erstellte Filter, automatisierte Ansichten. Nach einigen Wochen hatte ich einen umfassenden Workspace. Theoretisch perfekt – aber praktisch hatte ich mithilfe von ChatGPT, Perplexity und der Notion-KI ein Monster erschaffen. Und – ich hatte nichts erledigt Keinen Artikel geschrieben. Keinen Kurs weiterentwickelt. Keine Studierenden betreut. Ich hatte organisiert. Geplant. Optimiert. Aber nicht gearbeitet – in meinem Beruf. Nicht gedacht. Nichts Neues kreiert. Das Tool war nicht das Problem. Ich war das Problem. Ich hatte vergessen, wofür ich das Tool eigentlich nutzen wollte. Es wurde Selbstzweck, ich wurde Notion-Expertin. Aber Moment mal – das war gar nicht der Plan! Hatte KI mich angefixt? War es wie schon 2020 in „The Social Dilemma“ beschrieben – ein Mechanismus der süchtig macht? Machen soll? Und perfektioniert KI nun, was die „Tech-Bros“ damals an Geistern riefen, um Gewinne zu maximieren? Diese Woche sehe ich in meiner Timeline immer wieder denselben Post: „Die Elite liest Philosophie und schickt ihre Kinder auf Schulen ohne Tablets. Der Rest kriegt KI-Slop und TikTok.“ Und ich denke: Okay. Stimmt das? Macht KI dumm? Wird KI gemacht, um Wen-auch-immer dumm zu halten?

KI macht dumm? Was die Forschung dazu sagt

Sam Altman, CEO von OpenAI, warnt selbst davor, dass KI mit Risiken einhergeht.¹ Wenn KI alle Denkarbeit übernimmt, werden Menschen zunehmend desinformiert. Eine Studie vertieft das:² Studierende, die ChatGPT nutzen, um Aufgaben zu lösen, lernen dabei weniger. Ihre kognitiven Fähigkeiten bauen sich ab. „Use it or lose it“ – wer sein Gehirn nicht nutzt, verliert die Fähigkeit dazu.

Und dann gibt es diese Geschichten aus dem Silicon Valley.³ Tech-Arbeiter – Leute, die selbst Software entwickeln, Algorithmen bauen, Plattformen gestalten – schicken ihre Kinder auf bildschirmfreie Schulen. Diese Eltern wissen, wie süchtig machend, wie ablenkend, wie manipulativ diese Technologien sind. Sie kennen die Tricks, die das Engagement maximieren sollen. Und sie wollen ihre Kinder davor schützen.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist ein Geschäftsmodell.

Social Media macht süchtig – besonders Gen Z und Millennials.⁴ Junge Erwachsene zeigen die höchsten Suchtmuster. Ständige Erreichbarkeit, Dopamin-Kicks durch Likes, das Gefühl, etwas zu verpassen (FOMO) – das System ist so gebaut. Teilweise steigen Teile der Gen Z auch schon komplett aus.⁵ Eine wachsende Bewegung junger Menschen wechselt zurück zum „Dumb Phone“ – zu Handys, die nur telefonieren und SMS schreiben können. Sie merken, dass sie ihre Aufmerksamkeit verlieren. Ihre Konzentration. Ihre Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben. Also reduzieren sie radikal.

Diese Angst ist nicht irrational. Sie hat einen wahren Kern.

Achtsamkeit vs. KI: Wir brauchen beides

Zwei Newsletter haben mich diese Woche nicht losgelassen.

Der erste: Svenja Hoferts „Weiterdenken“ über fünf Trendbegriffe, die gerade kippen.⁶ Achtsamkeit, Mindset, Resilienz, Selbstoptimierung – alles Begriffe, die Hofers Ansicht nach Verantwortung privatisieren. Die aus strukturellen Problemen individuelle Defizite machen. „Du bist gestresst? Dann meditier halt.“ „Dein Job ist toxisch? Dann arbeite an deinem Mindset.“ Das ist bequem. Für Arbeitgeber. Für Plattformen. Für alle, die von unserer Aufmerksamkeit profitieren.

Diese Begriffe lenken ab. Sie halten uns beschäftigt mit uns selbst – während strukturelle Probleme ungelöst bleiben. Achtsamkeit kann das Wilde bändigen, das Revolutionäre. Man kann nicht gleichzeitig brennen und permanent runterregeln. Das hat mich getroffen. Weil Achtsamkeit eines meiner wichtigsten Prinzipien ist. Und weil ich reflexhaft nicht will, dass mir das jemand wegnimmt.

Aber Hofert meint vermutlich etwas anderes: Achtsamkeit als gesellschaftlich gefordertes Sich-Beruhigen. Als Instrument, das uns gedeckelt hält. Als Selbstzweck. Resilienz als Euphemismus, das KI-Nutzung ein individuelles Problem ist. Und Haltung als Prüfstein der (richtigen) Moral. Und da stimme ich zu: Ja. Das ist gefährlich. Achtsamkeit sollte nicht heißen: „Halt die Klappe und meditier.“ Achtsamkeit könnte auch bedeuten: Im Hier und Jetzt sein statt in der Instagram-Timeline. Präsent. Klar. Handlungsfähig. Das schafft Räume für Revolutionen. Nicht Rückzug.

Der zweite Newsletter: Barbara Geyers Reflexion über Ko-KI-Kreation.⁷ Sie unterscheidet zwischen Modi, wie Menschen mit KI arbeiten, u. a. Zentauren und Cyborgs.

  • Zentauren geben Anweisungen und kontrollieren jeden Schritt. Sie nutzen KI für spezifische Aufgaben, behalten aber die volle Kontrolle. Das ist, was wir in Schulungen lehren: Prompting. Präzise Anweisungen formulieren. Das Ergebnis prüfen und anpassen.
  • Cyborgs integrieren KI in den gesamten Workflow. Sie experimentieren mit neuen Praktiken. Sie lassen KI Vorschläge machen, fordern sie heraus, fügen iterativ neue Informationen hinzu. Sie entwickeln dabei nicht nur ihre Fachexpertise weiter, sondern bauen neue, KI-bezogene Fähigkeiten auf.

Geyer lehrt Zentauren, aber sie arbeitet als Cyborg. Weil sich das noch nicht erklären lässt. Weil es Dinge voraussetzt, die man nicht in zwei Stunden aufbauen kann: Fachkompetenz, Medienkompetenz, Erfahrung im Umgang mit KI, Kreativität. Das hat mich fasziniert, denn genau da bin ich auch.

Ich lehre Zentauren. Ich arbeite als Cyborg. Und manchmal fühlt es sich an wie der Zauberlehrling, manchmal auch wie die Hexenmeisterin. Aber – und das ist entscheidend – nur, wenn der Mensch entscheidet.

Diese beiden Texte zusammen haben bei mir etwas ausgelöst: Die Frage ist nicht: KI ja oder nein. Die Frage ist: Wofür nutze ich sie? Und wer entscheidet?

Zeitplanung mit Notion: Wo Tools helfen – und wo sie stören

Ich arbeite – natürlich – weiter mit KI. Ich baue gerade mit n8n und Flowise* Agenten, die Studierenden helfen sollen – automatisierte Unterstützung, Feedback-Schleifen, Strukturhilfen. Wieder bin ich begeistert von den Möglichkeiten. Da war doch was…?

Richtig: Ich tappe, wenn ich nicht aufpasse, in dieselbe Falle wieder. Letzte Woche saß ich bis 2 Uhr nachts vor dem Server. Ein Workflow funktionierte nicht. Ich debuggte. Ich suchte. Promptete bei diversen GenAIs. Ich probierte aus. Ich war so vertieft, dass ich die Zeit vergaß. Am nächsten Morgen fragte ich mich: Wofür?

Was habe ich eigentlich gebaut? Ein Tool, das mir Zeit sparen soll. Aber ich habe Stunden damit verbracht, es zu bauen, in denen ich nicht geschrieben habe. Die eigentliche Aufgabe – Spoiler-Alarm: die sich nicht lösen ließ ohne viele Workarounds – ist schneller so erledigt, als mit Agent anwerfen und dann noch Händchen halten, weil es die Nodes so eben doch nicht gibt, wie ich sie brauche. Das Tool und dass ich wieder Tiefenwissen erlange, waren nicht das Ziel. Das Tool sollte Freiraum schaffen. Eigentlich.

Ich glaube, dass wir differenziert denken müssen. Nicht: „KI ist schlecht, weg damit.“ Auch nicht: „KI ist die Zukunft, nutzt sie für alles.“ Sondern: Wofür nutze ich sie? Und wofür nicht? An welcher Stelle muss ich meine eigene Intelligenz befragen.

Zeitplanung zum Beispiel. Viele Studierende kommen zu mir mit der Frage: „Wie plane ich meine Abschlussarbeit?“ Und dann zeigen sie mir ihre To-do-Liste. 200 Aufgaben. Alles gleich wichtig. Alles gleich dringend. Nicht selten das Ergebnis einer KI-Kommunikation.

Das ist kein Plan. Das ist ein Berg.

Zeitplanung ist etwas anderes. Es geht um Phasen. Um Meilensteine. Um Entscheidungen: Was kommt zuerst? Was kann parallel laufen? Wo brauche ich Puffer? Was ist ein Ergebnis, das ich prüfen kann? Das muss ich verstehen. Das kann mir kein Tool abnehmen. Und wenn ich es verstanden habe, dann kann ein Notion-Template helfen. Dann kann ein System unterstützen. Dann kann KI Routinen automatisieren.

Aber erst danach. Nicht vorher.

Freiraum zum Denken: Warum Austausch wichtiger ist als Tools

Ich glaube, wir brauchen beides: Werkzeuge und Freiraum zum Denken. Dazu Austausch mit Menschen. Nicht nur mit Tools. Fokussiertes Arbeiten in Gemeinschaft – nicht alleine vor dem Bildschirm, sondern in einer (auch mal stillen) Community, in der jede:r an eigenen Projekten arbeitet.**

Eine Studie über Smartphone-Nutzung bei Kindern sagt: Verbote allein helfen nicht.⁸ Was hilft, ist altersgerechtes Design und Bildung. Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. Nicht: „Das ist böse, weg damit.“ Sondern: „Das ist ein Werkzeug. So nutzt du es sinnvoll.“ Das gilt auch für Erwachsene. Auch für mich.

In diesem Sinne halte ich auch meinen Notion-Workshop. Es geht nicht um Notion. Es geht um Zeitplanung. Um das Begreifen, woraus eine Planung besteht. Meilensteine. Phasen. Aufgaben. Wie ordne ich sie? Wie prüfe ich, ob ich auf Kurs bin? Wie passe ich an, wenn etwas schiefläuft?

Das ist die Denkarbeit.

Und dann schauen wir uns an, wie ein Notion-Template dabei helfen kann. Nicht vorher. Nicht stattdessen. Weil das Tool nicht das Ziel ist. Das Ziel ist: Klarheit. Kontrolle. Freiraum zum Denken.

Mit KI arbeiten – reflektiert, bewusst, selbstbestimmt

Ich arbeite mit KI. Ich werde weiter mit KI arbeiten. Aber ich passe besser auf mich auf. Ich frage mich regelmäßig: Wofür nutze ich das? Und wer entscheidet?

Die Angst, die ich in diesen Posts sehe – „Die Elite liest Philosophie, der Rest kriegt KI-Slop“ – die verstehe ich. Sie ist berechtigt. Und manchmal sitze ich nachts vor dem Rechner und frage mich: Bin ich gerade Teil des Problems?

Die Antwort, die ich für mich gefunden habe, ist: Kommt drauf an. Wenn ich Tools nutze, um Freiraum zu schaffen – für Denken, für Austausch, für Klarheit – dann nein, kein Problem. Dann ergibt es Sinn. Aber wenn ich Tools nutze, nur weil ich es kann, weil es faszinierend ist, weil ich es optimieren will – dann tappe ich in die Falle. Die Isabella Buck übrigens schon vor einem Jahr mit dem Begriff Toolification bestens beschrieben hat⁹ – noch etwas, das ich dir gerne auf die Leseliste setzen würde.

Immer am zweiten Mittwoch im Monat schauen wir uns live an, wie das konkret geht. Mit Zeitplanung als Beispiel. Mit Notion als Werkzeug. Aber vor allem: Mit Denken. [Notion für die Abschlussarbeit nutzen – 2026]

Und wenn du gerade feststeckst – dann lass uns reden. Manchmal braucht es ein Gespräch, um zu sortieren, was der nächste sinnvolle Schritt ist. Nicht als fertige Lösung, sondern als gemeinsames Denken. [Kostenloses Vorgespräch buchen]

Denn das ist meine tiefste Überzeugung: Die besten Lösungen entstehen nicht in Tools. Sie entstehen im Gespräch. Im Austausch. Im gemeinsamen Nachdenken über das, was wirklich zählt.

In diesem Sinne, Grüße aus dem Süden – auf dem Teide liegt übrigens auch Schnee – und vielleicht bis bald.

Daniela

*n8n und Flowise sind Open-Source-Tools für Workflow-Automatisierung und KI-Agenten. Nodes sind dabei die Bausteine, aus denen sich Workflows zusammensetzen – wie Lego-Steine für Automatisierung. Mehr dazu demnächst im Digital-Magazin (Behind the Scenes).

**Huberta Weigel bietet beispielsweise kostenlose Fokus-Abende an: https://www.huberta-weigl.com/fokusabend


Literatur & Quellen

  1. The Guardian (2023): „OpenAI’s Sam Altman urges AI regulation in Senate hearing“. März 2023. https://www.theguardian.com/technology/2023/mar/17/openai-sam-altman-artificial-intelligence-warning-gpt4
  2. León-Domínguez, U. (2024): „Potential cognitive risks of generative transformer-based AI chatbots on higher order executive functions“. Neuropsychology. doi: 10.1037/neu0000948
  3. New York Times (2024): „Why Tech Workers Are Sending Their Kids to Device-Free Schools“. Juni 2024. https://www.nytimes.com/2024/06/12/technology/silicon-valley-schools-screen-free.html
  4. Medical Tribune (2024): „Social-Media-Sucht trifft vor allem Gen Z & Millennials“. Dezember 2024. https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/social-media-sucht-trifft-vor-allem-gen-z-amp-millennials
  5. BBC (2024): „Gen Z swaps smartphones for ‚dumbphones'“. https://www.bbc.com/news/articles/cvg8p0el40po
  6. Hofert, S. (2026): „5 Trendbegriffe, die langsam kippen“. Newsletter Weiterdenken, Nr. 147. Januar 2026.
  7. Geyer, B. (2026): „Bin ich eine Betrügerin, weil ich mit KI schreibe? Zwischen Autorinnenschaft, Kontrolle und Ko-KI-Kreation“. Newsletter Künstliche Intelligenz in der Lehre. Januar 2026.
  8. Orben, A., Przybylski, A. K., Blakemore, S.-J., Kievit, R. A. (2024): „Smartphone restrictions for youth: a spotlight on implementation challenges and evidence gaps“. BMJ Paediatrics Open, 8:e002678. doi: 10.1136/bmjpo-2024-002678. https://bmjpaedsopen.bmj.com/content/8/1/e002678
  9. Buck, I. (2024): „Toolifizierung, Ambiguitätstoleranz oder: Bitte nicht noch ein KI-Tool!“. Blog Isabella Buck. Dezember 2024. https://isabella-buck.com/toolifizierung-ambiguitaetstoleranz-oder-bitte-nicht-noch-ein-ki-tool/